Frühe Besiedlung und kulturelle Deutungen
Frühe Besiedlung und kulturelle Deutungen
Teil 1
Dieter Tischendorf beginnt seinen Beitrag mit den Worten: „Schon an anderer Stelle habe ich über die Wurzeln der Kultur der Ureinwohner erzählt.“ Archäologie und eine europäische Interpretation überlieferter Begriffe beantworten jedoch unterschiedliche Fragen.
Frühe Menschheitsgeschichte
Australopithecus afarensis lebte vor etwa 3,7 bis 3 Millionen Jahren in Ostafrika. Die Art war ein früher Hominin, aber kein Homo sapiens, der nach Australien gelangte. Funde dieser Art stehen deshalb nicht für eine Besiedlungswelle des australischen Kontinents.
Ein anderer Zeitraum wird durch den Fundplatz Madjedbebe auf Mirarr Country in Arnhem Land greifbar. Archäologische Schichten dort belegen eine menschliche Besiedlung vor mindestens 65.000 Jahren. Die Funde umfassen bearbeitete Steine, darunter geschliffene Äxte, sowie Ocker und Hinweise auf dessen Nutzung als Farbe. Der Ort ist zugleich Teil der fortdauernden Verbindung der Mirarr mit ihrem Country; er ist nicht bloß ein Fundort aus ferner Vergangenheit.
Ein archäologisches Datum beschreibt, wann Menschen an einem bestimmten Platz lebten. Daraus lassen sich weder eine einzige damalige Lebensweise noch gemeinsame Überzeugungen aller Aboriginal peoples ableiten. AIATSIS unterscheidet Aboriginal peoples und Torres Strait Islander peoples als verschiedene kulturelle Gruppen und verweist auf mehr als 250 Sprachgruppen innerhalb Australiens. Die Bezeichnungen, Sprachen und kulturellen Beziehungen sind vielfältig und ortsgebunden.
Überlieferung und europäische Deutung
Der Beitrag entfaltet seine Deutung von Begriffen wie „Traumzeit“ und „Parallelzeit“ anhand europäischer Autoren, die der Verfasser im Text nennt. Er verweist dabei auf W. H. Müller aus dem Philognosie-Team und auf Robert Lawlors Buch Am Anfang war der Traum. Solche Deutungen sind als Teil seines Essays zu lesen, nicht als allgemeine Erklärung für die unterschiedlichen Aboriginal and Torres Strait Islander communities. Eine Erzählung, ein Wort oder eine Zeremonie gehört jeweils zu einem konkreten kulturellen Zusammenhang. Country bezeichnet dabei Beziehungen zu Land, Wasser und Meer ebenso wie zu Sprache, Familie, Gesetz und kultureller Praxis.
Traumpfade und Songlines verbinden im Yolngu-Zusammenhang bestimmte Orte mit Wissen, Liedern und Verantwortung. Missionierung und koloniale Familienpolitik griffen in Gemeinschaften und die Weitergabe dieses Wissens ein. Das Verständnis von Country und lokalem Wissen ist an konkrete Gemeinschaften, ihre Sprachen und ihre Erfahrungen gebunden.
Sprache und Wissen werden in konkreten Gemeinschaften weitergegeben; AIATSIS beschreibt etwa, wie Sprache Wissen von Elders und Vorfahren trägt. Das unterstreicht den Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Funddatierung und einer kulturellen Überlieferung: Beide gehören zur Geschichte des Kontinents, aber keine ersetzt die Perspektiven der jeweils verbundenen Menschen.