Wallaroo und Willy-Wagtail

Die Legende des Wallaroo und des Willy-Wagtail


Alleine auf einer felsigen Kante, hoch in den Bergen, baute sich ein Wallaroo unter den schattigen Ästen einer Eberesche sein Lager. Er war sehr alt und schwach. Zu schwach, um selbst Nahrung zu jagen. Also saß er alle Tage an seinem Lagerfeuer und peitschte den Boden mit seinem starken Schwanz. Dieses langsame, rhythmische Thud-Thud-Thud des Schlagens konnte trotz der Lieder der Vögel weithin gehört werden. 

Eines Tages näherte sich ein Paddymelon (Pademelon), ein kleines Wallaby, dem Lager, da es das Schlagen des Schwanzes gehört hatte. Es folgte der Richtung des Tones, kam zum Lager und fragte das Wallaroo, ob er Hilfe bräuchte. „Ich bin sehr krank“ antwortete das Wallaroo. „Viele Male habe ich den Schnee auf den Bergen gesehen, nun bin ich alt geworden, zu alt, um zu jagen. Meine Brüder sind zum Fluss über den Hügel gegangen, um Fische für mich zu fangen. Doch sie sind nicht zurückgekommen. Jetzt bin ich sehr hungrig.“


Das Paddymelon hatte Mitleid mit dem alten Wallaroo. Es bot ihm an, zum Fluss zu gehen und nach den Fischern zu suchen. Er war schon ein Stück weg, als das Wallaroo ihn zurück rief. „Du solltest meinen Boomerang mit dir nehmen, damit Du irgendein Wild auf deinem Wege erlegen kannst.“ Das Paddymelon drehte sich um, kam zurück und sagte „in Ordnung! Ich nehme es mit. Wirf es mir zu“ Der geschickte Wallaroo hob den Boomerang, zielte sehr genau und warf das Holz mit seiner ganzen Stärke. Er traf das unglückliche Paddymelon tödlich. Der Wallaroo nahm den Pelz vom toten Tier und bereitete den Körper für das Kochen vor. Er grub eine Grube in den Boden, umrandete sie mit Steinen und legte das Fleisch hinein. Dann bedeckte er alles mit flachen Steinen, auf denen er ein Feuere entfachte. Bald war eine geschmackvolle Mahlzeit gekocht.


Als das Paddymelon nicht nach Hause zurückkam, sorgten sich seine Verwandten um ihn sehr. Schließlich bot sich ein Leguan an, auf die Suche nach dem fehlenden Mitglied des Stammes zu gehen. Er folgte den Spuren des Paddymelon durch den Busch. Und diese führten ihn zum Lager des Wallaroo. Als der Leguan sich dem Lager näherte, schlug der Wallaroo wieder seinen Schwanz auf den Boden. Der Leguan fragte ihn, ob er irgendeine Unterstützung benötigte. Und mit klagender Stimme erzählte ihm das Wallaroo die gleiche Geschichte, die er schon dem unglücklichen Paddymelon aufgetischt hatte. Auch der Leguan hatte Mitleid mit dem alten Wallaroo. Und auch er bot sich an, dessen Verwandten für ihn zu suchen. Als er Losgehen wollte, fragte der Wallaroo auch ihn, ob er nicht eine Wurfstange mit sich nehmen wolle, falls er auf Wild treffen würde. Auch der Leguan war bereit dies zu tun. Und als er bat, ihm den Stab zuzuwerfen, tat dies das alte Wallaroo wieder mit derartigem Geschick, das auch der Leguan nicht auszuweichen konnte. Der Wallaroo bereitete sich dann eine weitere Mahlzeit.


Ein Tag nach dem anderen verging. Aber der Leguan kam nicht zu seinem Stamm zurück. Nun sendete der Stamm einen Bandicoot aus, den Leguan zu suchen. Auch ihn traf das gleiche Schicksal aus den Händen des Wallaroo. Nachdem nun auch das Bandicoot nicht wieder kam beratschlagten die Führer des Stammes, was zu tun sei. Dabei sagte einer der Anführer „ Vor vielen Monden verließ unser Bruder das Paddymelon das Lager, bevor die Sonne über den Hügeln stand. Und er kam nicht zurück. Der Leguan ging auf der Suche nach ihm. Er ist ein großer Jäger, aber auch er ist nicht zurückgekommen. Gestern folgte das Bandicoot auf ihre Spuren. Doch ich befürchte, dass der Schatten des Todes über alle gefallen ist. Wir müssen sie finden.“ Viele Vorschläge wurden im Rat besprochen. Doch keine von ihnen schien praktisch. Dann sprach Willy-Wagtail, der ein gescheiter Medizinmann war. „Lang genug haben wir auf die Rückkehr unserer Brüder gewartet. Doch hörten wir nichts von ihnen. Ich werde auch ihren Spuren folgen. Wenn es sein muß bis zum schattenhaften Jagdrevier des Todes. Aber ich werde zurückkommen.“ Der Rat stimmte dem Vorschlag von Willy-Wagtail zu. Aber sie verhehlten nicht ihre Angst, dass auch er im Land der eigen Ruhe bleiben würde und nicht zurückkäme.


Noch vor der Morgendämmerung begab sich Willy-Wagtail auf seine gefährliche und einsame Reise. Als er den Gipfel des Berges erreichte, konnte er, weit hinter sich, den grauen Rauch des Lagerfeuers seines Stammes sehen, der langsam über den Bäumen hing. Mit einem traurigen, aber tapferen Herzen setzte er seine Reise fort. Nachdem er eine geraume Zeit gewandert war, hörte er den Ton des Wallaroo, der seinen Schwanz weiterhin auf die Erde schlug. Anfangs dachte er, dass es ein Wallaroo durch den Busch hüpfen würde. Aber da der Ton nicht lauter oder schwächer wurde, näherte er sich misstrauisch und vorsichtig dem Lager. Der Wallaroo sah ihn kommen, begrüßte ihn und erzählte ihm die gleiche Geschichte. Und auch Willy-Wagtail bot ihm an, seine Verwandten für ihn zu suchen. Und wieder, als Willy-Wagtail ein Stück bereits weg gegangen war, bot ihm das Wallaroo ihm seinen Boomerang an. Willy-Wagtail wurde bei diesem Vorschlag sehr, sehr misstrauisch, und er antwortete. Wirf es einfach zu mir. Ich werde mich wegen eines eventuellen Fehlwurfs hinter den Baum stellen.“
Der Wallaroo warf dann die Waffe mit seiner ganzen Kraft. Aber Willy-Wagtail war vorbereitet und, sobald der Boomerang die Hand des Werfers verließ, sprang er schnell beiseite. Als das Wallaroo sah, dass er sein Ziel verfehlt hatte, und das Willy-Wagtail seine üble Absicht durchschaute, wurde er wütend. Alle seine Wurfgeschosse warf er, einschließlich den Nullanullas (Speargrass), erfolglos nach dem Willy-Wagtail.


Schließlich nahm Willy-Wagtail den geworfenen Boomerang und warf ihn dem alten Wallaroo an den Körper. Der Schlag war tödlich. Er enthäutete ihn dann und wollte eigentlich das Fleisch kochen, um es zu essen. Doch der Wallaroo war zu alt, das Fleisch zu zäh. So nahm Willy-Wagtail nur die Haut und ging ins Lager zurück Als er den Stamm vom Schicksal ihrer Brüder erzählte, waren alle sehr betrübt. Doch ihr Leid wurde zur Freude als Willy-Wagtail ihnen die Haut ihres Feindes zeigte. Der Wagtail wurde mit der Ernennung zum einem der Häuptlinge belohnt.


Die Führer des Stammes bestimmten daraufhin, dass die Stammensgefährten nie mehr allein reisen sollen. Zur Erinnerung an diese Untat haben Wallaroos immer einen Streifen des weißen Pelzes auf ihren Brüsten. Es ist ein Zeichen, wo der tödliche den alten Wallaroo der Gebirgskante traf.

@ 01.06.2010

OzBus Reporter

Isabelle Hiestand unterwegs mit dem OzBus von London nach Sydney. Sie berichtet täglich aus dem OzBus.

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