Istanbul 2. Tag

Istanbul Istanbul - Blick auf den asiatischen Teil von Istanbul von der Fähre aus.

Von unserer Hostel, die zwischen Blauer Moschee und Hagia Sofia liegt, sind es nur ein paar Schritte bis ans Meer. Angler und streunende Hunde teilen sich den felsigen Küstenstreifen zwischen Straße und Bosporus. Während ich am Wasser entlang spaziere und nach der langen Busfahrt endlich wieder meine Glieder sortieren kann, kreischen die Möwen über meinem Kopf.

Ich weiß nicht, was ich heute tun soll. Ich habe keine Lust von einer Moschee in die nächste zu rennen, aber ich will mich auch nicht mit tausenden Menschen durch den Bazar drücken. Da erreiche ich einen Fähranleger. Ich kaufe eine Fahrkarte und steige einfach ein, egal wo mich das Schiff hinbringt. Die Fähre legt ab, weg von den Teppichverkäufern und Gästefängern für die Restaurants. Ich atme auf.

Erschöpfter Passagier auf der Fähre in IstanbulAußer mir haben sich nur ein halbes Dutzend Männer mit Handkarren und Säcken auf dem Schiff eingefunden. Alle starren mich an. Erst als sich die asiatische Küste nähert schultern sie ihre Säcke und schieben die Karren so nah wie möglich an die Schiffsrampe, damit sie noch der dem Ansturm der wartenden Autos vom Schiff kommen.

Die Fähre legt bei Harem an, einem geschäftigen Busbahnhof. Männer und Frauen hetzen über die Bussteige, auf denen die Fahrer lautstark ihr Fahrtziel ausrufen. Autos schlängeln sich durch Gepäckberge und ich versuche, die Felswand jenseits des Busbahnhofs zu erreichen, denn dort habe ich eine Treppe entdeckt. Sie windet sich in Serpentinen bis zu den Wohnhäusern empor. Ich muss anhalten, um Luft zu holen, schließlich aber genieße ich einen fantastischen Blick auch den Bosporus und die Altstadt von Istanbul.

Wohin jetzt? Ich spaziere einfach geradeaus. Die Straßen sind von Wohnblocks gesäumt, es ist ruhig und kaum jemand ist unterwegs. Da spricht mich ein älterer Herr an: „Are you lost?“
„Nein.“ Die Gelegenheit erscheint mir günstig und ich füge hinzu: „Ich suche ein Kopftuch.“
„Wozu brauchen Sie denn ein Kopftuch?“
„Ich fahre in den Iran, da muss ich ordentlich angezogen sein.“
„Da sind Sie hier aber falsch. Sie müssen auf den Markt.“
Der ältere Herr fragt mich nach einem Stadtplan und schüttelt erstaunt den Kopf, als ich erkläre, dass ich keinen habe. Er überlegt, wie er mir den Weg auch so erklären kann, aber es fällt ihm keine gute Beschreibung ein. Schließlich sagt er: „Ich bringe Sie hin.“
Unterwegs unterhalten wir uns und er erklärt, dass er früher Englischlehrer war. Jetzt ist er im Ruhestand. Dabei schüttelt er immer wieder den Kopf: „Warum kommen Sie hierher um ein Kopftuch zu kaufen? Wir fahren zum Einkaufen auf die europäische Seite.“ Da kommt ihm eine Idee: „Meine Mutter ist gestorben. Leider haben wir ihre Kleidung letzte Woche an die städtische Wohlfahrt verschenkt. Aber vielleicht können wir ja dort ein Kopftuch bekommen.“

Also biegen wir ab und ich folge ihm zu einem Hinterhof mit einer großen Halle. In langen Regalen mit orangen Containern lagern Kleidung, Kühlschränke, Spielzeug. Wer nicht genug Geld hat, kann bei seiner Gemeinde Unterstützung beantragen und sich hier die Dinge abholen, die er zum Leben braucht. Kleidung aber bekommt jeder.

Mein Begleiter erklärt dem Verwalter meine Situation und die Frauen und Männer, die hier arbeiten, schauen mich verwundert an. Dann bitten sie uns, auf den Plastikstühlen Platz zu nehmen. Nach einer Weile kommt eine Frau mit einigen Kopftüchern und sieht mich skeptisch an. Ich frage sie, wie ich das Tuch binden muss. Sie muss lachen, und als sie mir das Tuch um den Kopf wickelt, bildet sich eine kleine Menschentraube.

Ob ich noch etwas brauche? Eine andere Frau führt mich in einen fensterlosen Nebenraum und ich darf verschiedene Mäntel anprobieren. Wir finden einen klassischen schwarzen, der allerdings viel zu lang ist. Ansonsten ist er aber genau das Richtige für Iran und ich nehme ihn dankbar an. Bei meiner Rückkehr in den Wartebereich liegen Jacken, Sweatshirts, Kopftücher und ein Herrenhemd – das ist für meinen Begleiter – auf den Stühlen. Ich muss die Frauen erst lange überzeugen, dass ich nur vier Kopftücher, zwei Sweatshirts mit langen Ärmeln und den Mantel brauche.

Als wir den Hinterhof verlassen, lädt mich mein Begleiter zum Mittagessen nach Hause ein. Ich nehme das Angebot an. Es gibt gefüllte Paprika und gefüllte Tomaten, dazu Salat, Bohnen und Brot. Ich lerne auch seine Schwester kennen, die uns den Weg zum Schneider erklärt. Der Bazar ist ein gutes Stück entfernt und ich verstehe jetzt, warum ihm keine passende Wegbeschreibung eingefallen ist. Nach einigem Fragen und Suchen finden wir auch die Schneiderin.

Dank meines Begleiters bekomme ich den „Studentenrabatt“ und zahle für das Umnähen gerademal 2 Euro. Wir schieben uns weiter durch die Marktstände Richtung Hafen und nehmen das nächste Schiff nach „Istanbul“, wo mein Begleiter noch Bonbons für die Gedenkfeier seiner Mutter bestellen will. Auf dem Schiff lädt er mich ein, bei meinem nächsten Besuch in Istanbul wieder vorbei zu kommen. Er erklärt mir, wie ich zur Hostel zurückkomme und wir verabschieden uns. Bis zum nächsten Mal vielleicht.

Foto: Isabelle Hiestand

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