Chitwan

Chitwan Bootseinstieg in Chiawan, Nepal.

Es ist früher Morgen und über dem Fluss liegt noch der Nebel. Wie ein Halbstern liegen die Einbäume am Ufer. Ich steige in das Boot, halte mich mit beiden Händen an den Seitenwänden fest und taste mich langsam zum Heck vor. Der Nepalese, der unser Boot durch den Fluss stochern wird, nimmt ein Holzgestell von der Bordwand und stellt es auf den Boden. Mein Sitz. Ich lasse mich draufsinken.

Nun steigt der nächste Passagier ein. Bei jedem Schritt schwappt das Flusswasser. Ich nehme das nächste Gestell von der Bordkante und platziere es zwischen meinen ausgestreckten Beinen. Während sich das Boot langsam füllt, steigt, nur eine Handbreit von mir entfernt, der Wasserspiegel immer höher steigt.

Wir sitzen im Boot in ChitawanEin Mann stößt uns vom Ufer ab und das Boot schwankt von rechts nach links. Ich kralle mich an die Kante des ausgehöhlten Baumstamms, während das Boot von Gieksern begleitet in die Strömung treibt. Der Bootsführer wendet und alle werden still: Wir sind auf dem Fluss. Der Urwald nimmt uns auf. Unbekannte Vögel zwitschern und tirilieren. Auf einem Ast sitzt ein Pfau mit seinem schillernden Schweif und ruft nach seinem Weibchen.

Blaue Eisvögel sausen über das Wasser und verschwinden im Dickicht. Von einem abgestorbenem Baumstamm aus starrt uns ein Schlangenadler an. „There´s a frog.“ Der Nepalese rammt den Stab in den Fluss und stochert uns aus der Strömung an das Ufer. Ich starre in die angegebene Richtung, aber so knapp über dem Wasserspiegel kann ich nichts erkennen. Dabei muss es ja ein ziemlich großer Frosch sein, wenn der Mann ihn vom Boot aus erspähen kann, denke ich.

Der Bootsführer zieht den Stab aus dem Wasser und deutet damit auf eine Stelle kaum zwei Meter entfernt. „Wo ist nur der „frog“? Plötzlich teilt sich der Fluss, spitze Zähne im spritzenden Wasser, ein weit aufgerissenes Maul. Bis zum Rumpf springt das Krokodil aus dem Wasser. Alle im Boot weichen zurück, nur weg von dem Ungeheuer, das Boot schwankt, Schreie. `Bloß weg vom Wasser, das fast schon über den Rand schwappt.` denken jetzt alle und das Boot schwankt auf die andere Seite, noch mehr Schreie. Wo ist das Krokodil?

Es ist nirgends zu sehen. Langsam beruht sich das Schaukeln und wir müssen lachen. Kein „frog“ sondern ein „croc“ hatte es sich im seichten Uferwasser gemütlich gemacht.

„Im Urwald gibt es Lychees“. Mit diesem Hinweis begrüsst uns unser Guide zur Dschungelwanderung. Ich wundere mich, warum er uns vor Obst warnt. Dann erinnere ich mich an meine Erfahrung mit dem „frog“ und durchforste noch einmal meinen englischen Wortschatz: „Leeches“. Was war das nochmal? O nein! – „Blutegel“.
Ich betrachte meine Turnschuhe: Atmungsaktiv dank unzähliger winziger Löcher. Viel zu klein für die dicken Blutegel und damit genau das Richtige für die schwüle Hitze im Urwald. Unser Guide verschwindet mit seinem Stab, der nepalesischen Grundausstattung für Dschungelspaziergänge, im Dickicht. Wir OzBusler folgen im Gänsemarsch. Das Schlusslicht macht unser zweiter Guide, ein junger Bursche, der es doch hoffentlich mit den Nashörnern aufnehmen kann, die hier wohnen sollen.

Im Kopf wiederhole ich die Regeln für den Dschungeltrip: Immer zusammen bleiben, das ist unser einziger Schutz. Wenn ein Nashorn angreift: „run and hide“- rennen und verstecken.

Kaum betreten wir den Urwald, öffnet der Himmel seine Schleusen. Innerhalb einer Minute kann ich nicht mehr zwischen Schweiß, Dampf und Regenwasser in meiner Unterwäsche unterscheiden. Aber das ist das kleinere Problem. Schlimmer ist, dass uns der Regen näher an die Tierwelt Nepals heranbringt, als uns lieb ist. Einerseits kann unser Führer die Nashörner erst hören, wenn sie direkt vor uns stehen. Andererseits wäscht der Regen tausende Blutegel von den Blättern – direkt auf meine Schuhe.

Jetzt erkenne ich auch meinen Fehler: Ja, Blutegel sind dick - wenn sie sich vollgesaugt haben. Aber die hungrigen Exemplare auf meinem Schuh sind noch bindfadendünn. Wie Raupen tasten sie sich vorwärts, unfehlbar geleitet von ihrer Gier nach Blut. Der erste Blutegel versenkt seinen Kopf in eines der maßgeschneiderten Belüftungslöcher meines Turnschuhs.

Bevor er ganz verschwindet, reiße ich den glitschigen Wurm von meinem Fuß. Er sucht Halt an meinem Finger und ich schleudere ihn mit hektischen Bewegungen weg. Von hinten schiebt mich jemand vorwärts. Die Gruppe muss zusammen bleiben – unser einziger Schutz vor den Nashörnern. Ich stolpere dem Guide hinterher. Bei jedem Halt entegel ich meine Schuhe, während unserer Führer nach Nashörnern Ausschau hält.

Nashörner in Chitawan, NepalPlötzlich das Zeichen: Zwei Nashörner auf zwei Uhr, keine 10 Meter entfernt. Durch das Blättergewirr erkenne ich ihre wackelnden Ohren. Sie liegen auf einer kleinen Lichtung. Ob sie uns trotz des Regentrommelns gehört haben? Ich spüre einen Stich an Schuhschaft. Ein Blutegel hat es sich in meiner hypermodernen Schuhschnürung bequem gemacht und versucht sich an meinen Blutkreislauf anzudocken.

In diesem Moment höre ich das einzige Wort, das mir bei einem Guide immer Angst einjagt: „Shit!“ Sie kommen. „Run!!!“
Wir rennen. Am schnellsten ist der nepalesische Guide, der Schlusslicht war. Er verschindet schon um die nächste Kurve. Wir versuchen ihm hinterher zu kommen, aber die Gruppe reißt immer weiter auseinander. Der Guide hinter mir flucht. „Hide!“ Wir springen in die Büsche. Zu fünft drängen wir uns hinter eine Würgfeige. Am Fuß spüre ich wieder einen Stich: Hinten die Nashörner, unten die Blutegel.

Babyelefant in Chitawan, NepalNach einer Weile kriechen wir aus unseren notdürftigen Verstecken. Von den Nashörnern ist nichts mehr zu hören, meint unser Guide. Auf dem schnellsten Weg verlassen wir den Urwald. Ein halbes Dutzend Blutegel laben sich derweil an meinem Körper. Das Baden mit Elefanten lasse ich ausfallen.

Foto: Isabelle Hiestand

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