Cattai National Park

Ein unvergessener Besuch im Cattai National Park


Nach weiteren 10 Kilometern kamen wir zum Cattai National Park. Der rechts und links der Strasse liegende Nationalpark ist in den östlichen Mitchell Park und dem westlichen Cattai Farm Bereich geteilt. Dieser National Park ist ein Eldorado oder aber eine besonders geeignete Lebensfläche für Kängurus. Nirgendwo haben wir so viele der australischen Wappentiere gesehen. Die Sektion Old Cattai Farm erinnert den Besucher durch die Beschreibung und Demonstration der Lebensweise der Arndell Familie an die koloniale Vergangenheit. Wenn man nicht durch die tiefen Löcher auf dem ersten Kilometer der Zufahrtsstrasse abgeschreckt wird.

Unterhalb der historische Homestead führt ein Rundweg durch die Flussniederung des Hawkesbury River. 13 Picknickunterstände stehen zur Verfügung. Trotz des Nieselregens haben junge Leute auf dem Campingplatz gezeltet und wärmen sich an einem großen Lagerfeuer neben dem Shed 11 auf. Der Rundweg geht um einen kleinen See. Die Unterstände und auch die Campingplätze muß man mieten. Nach dem Rundkurs auf etwas feuchter und rutschiger unbefestigter Piste haben wir uns die historische Farm angeschaut. Hier lebten sieben Generationen. Begonnen hat alles 1799, als Thomas Arndell, ein Assistenzarzt von der First Fleet, hier Land erwarb und es „Caddie“ nannte. Ob Thomas ein besonderer Golffan war? Es ist nicht bekannt. Vielleicht war es auch nur ein Wortspiel, da der hier lebende Ureinwohner Stamm sich Cattai nannte. Der Boden war fruchtbar. Und der ertragreichen Ernte von 1803 folgten der Bau eines Kornspeicher und einer von Wind betriebenen Mühle. Es lohnte! Das Korn transportierte man auf Booten bis Sydney.

Von jeher prägten Einsatz, Härte und auch Rückschlägen das Leben der Siedler in Down under. Auch Arndell blieb davon nicht verschont. Doch beim Hochwasser von 1805 wurde Thomas Arndell zur regionalen Legende. Zusammen mit einem Nachbarn rettet er vielen Menschen das Leben, indem er ständig den Fluss mit einem Boot befuhr und von Wasser mitgerissene Menschen heraus zog. Schon ein Jahr später, beim nächsten Hochwasser schrieb er in sein Tagebuch „Das Wasser steht mittlerweile 18 Inches (45,72 cm) im Wohnhaus“. Der Bau des neuen Wohnhauses 1810 sollte einer Überflutung vorbeugen. Aber schon 1821 mußte man ein zweistöckiges Gebäude, nunmehr auf dem höchsten Punkt des Anwesens errichten. Dieses überstand alle weiteren Hochwasser. Und die gab es in schöner Regelmäßigkeit. Wenn der Fluss die Siedler in Ruhe ließ, kamen Missernten, wie zum Beispiel durch Pilzbefall oder durch Fäulnis. Obwohl Arndell schon nach der schrecklichen Missernte von 1850 von Weizen auf Mais umstieg, blieb die wirtschaftliche Lage gespannt. Man konnte mit den Preisen anderer Lieferanten in Australien kaum mithalten. So litt diese eigentlich so berühmte Farmerfamilie ständig unter einer finanziellen Schieflage.

Bald erkannte man, dass Geflügelhaltung billiger war als Rinderzucht. Hühner, Enten, Gänse, Truthähne lieferten Fleisch und Eier für das tägliche Leben und für den Verkauf. Die Bettdecken aus Federn gaben ein weiteres Zubrot. Das Hochwasser überflutete regelmäßig eben nicht nur den kleinen Hafen beim heutigen Picknickpunkt, sondern fast 4/5 des Anwesens. Große Hoffnung setzte die Familie Anfang des 20. Jahrhundert auf den Umstieg zum Obstanbau. Zitrusfrüchte wurden bald zu einem Standbein in der Haushaltsführung. Doch zwei verheerende Fluten 1949 und 1952 vernichteten die Plantagen. Das wirtschaftliche Ende einer Pionierfamilie war erreicht. So stehen wir vor der ältesten industriellen archäologischen Liegenschaft in Australien, mittlerweile als kulturelles Erbgut und National Park registriert, und bewundern den Mut und den Unternehmergeist dieser Menschen. Hier begann nach Aussagen auf dem Display die koloniale landwirtschaftliche Besiedlungsgeschichte Australiens.

Ein schöner breiter Weg führt von dem alten Farmhaus mit den Bretterbuden und Wellblechgebäuden auf der Höhe zu einem Aussichtspunkt. 20 Meter unter dem Schutzgitter fließt gemächlich und friedlich der Hawkesbury River. Unvorstellbar diese Hochwasser! Auf der Plattform stehen Informationstafeln. Und ein Bild der Arndell Familie. Wie bei einem Sonntagsspaziergang im Londoner Hyde Park stehen sie alle da. Die Menschen leben nicht mehr, die Mode hat sich grundlegend geändert, aber die Landschaft, der Hintergrund auf der Fotografie von 1910, ist der gleiche wie heute. Exakt! 200 Jahre sind für uns Menschen unvorstellbar lang. Für die Natur ist es nicht mal ein Atemzug! Und ich muß besonders in Australien immer wieder an die Geschichte denken, wo ungeduldige Jünglinge einen chinesischen Weisen fragten, wie lang denn die Ewigkeit sei. Dieser antwortete. „Aller 100 Jahre kommt zum Gipfel des Himalajas ein Vogel geflogen und wetzt am höchsten Berg seinen Schnabel. Wenn er den Berg so abgetragen haben sollte, dann ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen.“

Der Weg ist gesäumt vom allen möglichen Eucalyptus Bäumen. Wie gesagt. Der Boden ist fruchtbar. Und auf den Schildern werden die Bäume, Sträucher und Büschen beschrieben. Und auch, dass die reichlich wachsenden Misteln schon vor der Besiedlung hier wucherten. „Mistletoe“ nannten die Siedler eine von den Ureinwohnern aus diesen Früchten hergestellte Krankheitsdiät. Das Darug Volk schuf auf einer Basaltplatte auch kulturelle Gravierungen zu den Zeremonien. Tut mir leid. Ich habe nichts erkannt. Auch nicht das angebliche Känguru, das ganz deutlich dargestellt sein soll. Alles ist verwittert und von Moos überwachsen.

Ziemlich beeindruckt sind wir dann noch in den zweiten Teil des Cattai National Parks, dem Mitchell Park gefahren. Es gibt nur eine Zufahrt zum Park. Zum ziemlich tief liegende öffentlichen Bereich führt ein steiler, steiniger und unbefestigter Weg, der wenigstens im oberen Teil geteilt ist. Für aufwärts bzw. abwärts fahrende Fahrzeuge. Über fünf Kilometer Wanderwege stehen zur Verfügung. Aber schon nach 100 Metern sind wir fluchartig umgekehrt. Ein Regenschauer löste den leichten Nieselregen ab. Bald waren die Wege so durchnässt, dass ein erneutes Gehen sinnlos schien. Hätte dieser Regen nicht vier Tage früher an der Ostküste einsetzten können? Wie viele menschliche Tragödien wären erspart geblieben? Wie viele Tiere würden noch leben? Auf dem Weg zum Mitchell Park steht die kleine Kirche für die Bewohner der Gegend. Eine einfache und weiß getünchte Holzkirche. Das Gotteshaus passt in die Gegend, passt zu den Menschen. Ich glaube, dass Gott diese kleine, aber stilvolle anglikanische Kirche „St. Lucas of Cattai“ mit viel mehr Wohlgefallen sieht, als die überladenen Prachtbauten in den Städten. Auch in Europa!

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